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Frauen in der IT Branche

Initiale Überlegungen

Ein Beitrag von unserer Delegate Mitarbeiterin Petra B.

Es begann mit einem vermeintlich einfachen Auftrag: „Bitte schreib für uns anlässlich des Weltfrauentags einen kurzen Text über Frauen in der IT Branche.“ Doch wie kann man einem so weit gefassten Thema gerecht werden? Es gäbe sehr Vieles zu sagen und zu überlegen. Je länger ich reflektiere, umso herausfordernder scheint die Thematik. Und eigentlich geht es ja viel weniger um „Frauen in IT und Technik“ als um ein „Frauen in IT und Technik sind immer noch etwas eher ungewöhnliches“? Der letztere Punkt ist, wenn man sich die Statistiken ansieht, wahrlich keine Themenverfehlung. Es scheint, der eine Aspekt bedingt immer noch den anderen, leider. Hier ist also in aller Kürze ein Versuch, den Status Quo zu erfassen und gleichzeitig auch Überlegungen um dessen Ursachen anzustellen. Klar ist, dass eine Gleichberechtigung und Gleichbehandlung von Mädchen bereits bei der Erziehung, Sozialisierung und später der akademischen bzw. beruflichen Ausbildung beginnen sollte. Erst dann kann überhaupt eine Grundlage entstehen, auf der echte Gleichbehandlung sowie die gleichen beruflichen Chancen für Frauen und Männer gelten können. Selbstredend ist auch die Familiensituation ein Thema. Es ist schlicht unfair, dass die eine Hälfte der Bevölkerung überproportional oft mit der „Kind ODER Karriere“ -Frage konfrontiert ist. Gerade in Technik und Forschung gehen Entwicklungen schnell voran. Wenn es nun also traditionellerweise im Großteil die Frauen sind, die über längere Zeiträume zur Kinderbetreuung zuhause bleiben oder Teilzeit arbeiten, ist es einleuchtend, dass sich die Chancen auf eine leitende Position, eine Forschungsstelle etc. durch eine längere Abwesenheit oder kürzere Verfügbarkeit drastisch verringern. Diese Ungleichheit ist real. Hier gibt es noch viel Aufholbedarf – gesellschaftlich und politisch. Von der Frage der Familiengründung und Kinderbetreuung abgesehen sollte man die anderen Überlegungen zur Gleichbehandlung von Männern und Frauen in einer idealen Welt gar nicht führen müssen. Wir sind Arbeitskräfte. Kolleginnen und Kollegen. Wir arbeiten mit unserem Geist (manchmal auch dem Verstand 😋) und es ist irrelevant, wie kräftig, wie alt oder wie groß wir sind. Daher sollte das Geschlecht der ArbeitnehmerInnen in der IT Branche ja eigentlich nicht maßgeblich sein. Soweit die Theorie. In der Praxis jedoch ernten wir Frauen immer noch manchmal erstaunte Blicke, wenn wir im Gespräch mit anderen erwähnen, bei einem Softwarehersteller zu arbeiten. Und das sind die Überlegungen, die mich beim Auftrag zu diesem Text beschäftigten.

Ursachenforschung

Die Zahlen, sowohl in Europa als auch für Österreich, sprechen eine ganz deutliche Sprache: Frauen in IKT Fach-Berufen machen nur einen geringen Prozentsatz der Arbeitskräfte in diesem Sektor aus.
Dabei wäre es gerade in der IKT Branche besonders einfach, gleiche Bedingungen für alle herzustellen. Körperliche Stärke oder Integrität sind keine Kriterien für den Erfolg in unseren Berufen. Ideal eigentlich, denn Ideenreichtum, Innovationsgeist und Problemlösungskompetenz sind – ich hoffe doch, bis hierher herrscht Einigkeit – geschlechtsunabhängig. Woran liegt es also? Ein Großteil von uns (ich spreche hier mal von Generation X oder älter) ist sicherlich noch mit den allgemein bekannten Geschlechterstereotypen sozialisiert worden. Ehrgeiz für Jungs, Zurückhaltung für Mädchen, etc., jeder weiß bestimmt, was ich meine. Wird sich ein junger Mann schon während seines nicht abgeschlossenen Studiums oder anderen Ausbildung für einen fachspezifischen Arbeitsplatz bewerben, während eine junge Frau sich damit abfindet, erst später einzusteigen, („wenn Du gut genug bist…“)? Es sind keine augenfälligen Diskriminierungen und vermutlich geschieht und geschah ein Großteil des „Anders-Behandelns“ von Frauen und Mädchen in der Technik nicht absichtlich. Es sind die alten „Buben-sind-besser-in-Mathe“ Muster, die nicht hinterfragt wurden, und so zu einer Art ‚schleichender‘ Benachteiligung führten. So könnte man die noch(!) vorhandene Unausgewogenheit vielleicht erklären. Und natürlich gibt es viele Gründe und nicht nur diesen einen. Die Situation ist aus einer historischen und sozialen Entwicklung heraus entstanden. Und nun ist es Zeit für eine Weiterentwicklung zu Gleichberechtigung. Ich finde, wenn man sich dies bewusst macht, ist es schon ein guter Schritt in die richtige Richtung.
Wir Frauen in Europa sind vergleichsweise privilegiert und die Gesellschaft ist verhältnismäßig ‚weit‘ gekommen auf dem Weg zur Chancengleichheit für Alle. Die allermeisten Frauen hier haben zum Glück die Freiheit, Entscheidungen autonom zu treffen. Unsere Bildungs- Sozial- und Gesundheitssysteme mögen ihre Defizite haben, aber sie stehen uns genauso zur Verfügung wie unseren männlichen Mitmenschen. Viele Chancen stehen uns offen, ergreifen müssen wir sie selbst. In vielen anderen Regionen der Welt ist der weitere Lebensweg für Mädchen hingegen bereits bei der Geburt vorgezeichnet: den Männern in ihrem Leben untergeordnet, gesellschaftlich streng auf eine Rolle festgelegt, deutlich geringere oder schlimmstenfalls gar keine Bildungschancen und kaum freie Wahlmöglichkeiten der Familienplanung oder beim Ergreifen eines Berufs.

Eine Anektdote

Bei meiner weiteren Recherche finde ich in einem Text der New York Times eine Anekdote, dass Bill Gates zu Beginn der 2000er Jahre in Saudi Arabien einen Vortrag vor IKT Fachpublikum hielt. Die Teilnehmer saßen nach Geschlechtern getrennt im Saal, links 4/5 der Teilnehmer: die Männer. Das restliche Fünftel, die Frauen, saßen rechts. Eine sehr kleine Gruppe, durch eine physische Barriere von den Männern getrennt. Ruft man sich allein dieses Bild vor Augen, dann wird einem bewusst, wie ‚exotisch‘ weibliche Angestellte in der IKT waren und leider immer noch sind. Die Übermacht und die Barriere waren nicht nur sinnbildlich sondern offensichtlich und greifbar im Raum vorhanden. Am Ende des Vortrags stellten die Teilnehmenden Fragen, darunter auch, ob es ein realistisches Ziel wäre, dass Saudiaarabien mit 2010 eines der 10 führenden Länder im Technologiesektor werden könnte. Gates‘ Antwort war, dass das keineswegs der Fall sein könne, wenn man die Hälfte der Talente im Land nicht vollständig nutzen würde. Die Frauen im Publikum applaudierten und riefen Beifall. Recht hat er. Es ist ein lange bestehendes Problem, dass unsere Forschung, Kunst und Kultur potentielle Talente verliert, weil sie als Frau geboren wurden. Vielleicht hätte eine Frau genial wie Rembrandt malen können, wenn sie nur die entsprechenden Möglichkeiten gehabt hätte. Vermutlich sind der Forschung und Technik brilliante Ingenieurinnen, Erfinderinnen oder Programmiererinnen entgangen, die Ihre Fähigkeiten mangels Ausbildung, Ressourcen oder aufgrund sozialer Gegebenheiten oder religiöser Zwänge niemals entwickeln und ausschöpfen konnten. So soll es nicht weitergehen. Es liegt an uns, das zu ändern.

Wir bei Delegate

Das Verhältnis in unserem Unternehmen beträgt 18:41 (Verhältnis F 1:2,3 M), also mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen. Hier in unserer Zentrale in Wien sind wir 13 Frauen und 32 Männer (Verhältnis F 1:2,5 M) . Somit sind wir bei Delegate vom Frauenanteil her um einiges besser aufgestellt, als es Statistiken nahelegen. Erfreulich ist auch, dass in jeder Abteilung mit (Ausnahme des IT/Infrastructure Teams) Frauen vertreten sind. Mein Teamlead und unsere Senior Software Test Engineer and Documentation Writer sind weiblich. Bei uns arbeiten Frauen in der Programmierung, im Software Testing, als Produktspezialistin, im Projektmanagement, in der Kundenbetreuung und Service, im Marketing und in der Administration. Meine Kolleginnen sind die Coolsten! Dennoch ist deutlich – wir Frauen sind in der Unterzahl. Und nur einige von uns haben tatsächlich eine fachspezifische Ausbildung in der IKT. Viele sind Quereinsteigerinnen, zum Beispiel aus dem Marketing oder der Pädagogik. Das ist erstmal nicht naheliegend, aber wir alle arbeiten mit viel Einsatz und vor allem Erfolg. Auch als ursprünglich Fachfremde bestehen wir in unserer Arbeitswelt.

Kolleginnen und Kollegen begegnen sich mit Wertschätzung. Trotzdem bewegt man frau – insbesondere als Quereinsteigerin – sich zu Anfang außerhalb der Komfortzone. Aber dort lernt man besonders viel. Delegate fördert und fordert die MitarbeiterInnen, und das ist gut so.

In Zukunft


Es gibt einen positiven Trend, dass immer mehr Frauen technikbezogene Ausbildungen machen und in der IKT Branche arbeiten. Dennoch ist der Frauenanteil in diesem Wirtschaftssektor immer noch gering. Es bedarf noch viel weiterer arbeitsmarktpolitischer Initiativen, Bildungsförderungen und gesellschaftlichen Umdenkens für eine echte Gleichberechtigung weiblicher und männlicher Arbeitskräfte, egal auf welchem Sektor. Und nun bin ich wieder am Ausgangspunkt. So viel gäbe es zu sagen, so viel zu Bedenken. Politisch, gesellschaftlich und auf Betriebsebene. Das alles auszuführen, sprengt den Rahmen diese kleinen Essays bei weitem. Deshalb schließe ich mit diesem Wunsch: Es wäre schön, wenn sich zukünftige Kolleginnen bereits von ihrer Ausbildung und ihrem Mindset her in der Technik und IT direkt ‚zuhause‘ fühlen könnten.

When we invest in women and girls, we are investing in the people who invest in everyone else.
– Melinda Gates